c/o pop 2011 - Das Letzte kommt zum Schluss: Zwischen Boys und Girls, einem Waldschrat und Verzauberungen

“Ich wette mit dir, dass die Mädchen ganz vorne jetzt mindestens genau so nass sind, wie das T-Shirt, das der Sänger gerade ausgezogen hat”, sagt mein Kollege, der während des Wu Lyf-Konzerts direkt neben mir steht. In der Tat war es so, dass zu diesem Konzert, der gerade (zurecht) gehypten Indie-Post-Rock-Band aus Schottland ein gewaltiger Hauch von jugendlich-verschämter Erotik durch die Cinemathek des Museum Ludwigs wehte. Diese jungen Kerle wussten trotz der sehr reduzierten Atmosphäre im -aufgrund von nicht vorhersehbaren Wetterumständen- umverlegten Austragungsort, wie sie sich zu präsentieren haben. Coole Gesten, Rotzigkeit, sakrale Indie-Rhythmen und natürlich auf Teufel komm raus noch vor dem letzten Song das T-Shirt ausziehen. Einzig der etwas pummelige Gitarrist stand ganz am Ende des Konzerts noch fein und brav in seinem Hawaii-Hemd mit weißem T-Shirt drunter an seinem Platz. Der Rest gebar sich hinter verschwitzten Körpern und einem vereinnahmenden Klang aus Verzerrung, Kartzbürstigkeit und Wahn. Ohne Frage: Wu Lyf wissen nicht nur in Sachen Veröffentlichung ihres Albums “Go Tell Fire To The Mountain” und Informationen über sie im Netz, wie man sich selber zum Mythos macht. Dieses Konzert war trotz seiner begnadeten Größe wirklich eines für die Indie-Groupies und Hipster. Wir waren dabei.
Der Preis für den eigentlichen Nerd-Faktor geht aber eindeutig an den wundervollen Touchy Mob aus Berlin. Wie ein Riesenbaby mit buschigem Vollbart, dass gerade von der Gammelcouch gefallen ist, stakst da ein Typ in augelatschten Sneakern, einer Badehose und einem schlabbrigen weißen T-Shirt auf die Bühne und fragt, ob er anfangen könne oder noch auf irgendwen wichtiges gewartet wird. Nach dem ersten Song, der noch eher wie Singer/Songwriter klingt, kommt die nächste, an Coolness kaum zu überbietende Ansage: “Ich bin Tochy Mob. Hey, ich bin die Vorband, Baby!”. Und dann beginnt seine eigentliche Darbietung aus besagtem Singer/Songwriter, den er mit einem an die Gitarre gehefteten Mini-Sequenzer zum Songwriter-Techno umwandelte. Es versteht sich von selbst, dass er live zwischen Gitarre, Sequenzer und gleichzeitigem Gesang hin und her wechselte. Dabei war die Gitarre selten das voll angeschlagene Instrument. Alles verwob der wirklich begeisternde Touchy Mob zu einem sich aufbauenden Konstrukt, welches er, sobald der hämmernde Beat-Höhepunkt erreicht war, schnell wieder in sich zusammen fallen ließ. Techno-Pop war selten so emotionsgeladen.
Touchy Mob - Foam Born
Oder etwa doch? Der nächste Stop am c/o pop-Freitag war natürlich das Bootshaus, in dem erstmalig die innig geliebte Kompakt-Party stattfand. Zunächst anfänglich kritisch beäugt, konnte der angemietete Club dann doch noch überzeugen. Schließlich muss man bedenken, dass dort eher die Großraum-Vocal-House-R’n’B-Partys stattfinden und das Publikum gelinde gesagt seinen ganz eigenen Charme hat. Zwar war der Weg bis zur Party etwas umständlicher, aber ganz gleich wie weit, jeden Schritt wert. Alleine das elitäre Popgehabe von GusGus’-Live-Auftritt samt einem Sänger auf der Bühne, der wie Thor wirkte, untermauerte nur, dass dieser Abend besonder werden sollte. Was noch kam, sprach an stilistischer Perfektion nur so für sich: Robag Wruhme, Michael Mayer, Jan-Eric Kaiser, Sascha Funke und viele mehr, luden zum eleganten Tanzen “Am anderen Ufer” ein.
GusGus - Add This Song
Tags darauf sollte noch einmal ein Indie-Pop-Moment der Extraklasse vollführt werden. Wobei es schon knifflig war, denn die Entscheidung, welches Konzert oder welche Party man jetzt besuchen sollte, viel auf der diesjährigen c/o pop so schwer aus wie schon lange nicht mehr. Die Würfel vielen aber und mit einem recht alten Ehepaar, das sich zufälliger Weise mit mir in der Bahn befand, sich gleichzeitg beherzt anzickte und doch ganz liebvoll miteinander sprach, wusste ich sofort, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, als ich in Richtung Südstadt fuhr.

Nachdem die Kölner Kraftwerk-Techno-Pop-Band MIT ihre kreischend-knüppelnde Live-Show zum Ende brachte, war es Zeit für die etwas andere Oper. In nahezu perfekter akustischer Atmosphäre stand die kandische Newwaverin Austra auf der Bühne im Kammermusiksaal des Deutschlandradios. Umgeben von ihren beiden Backgroundsängerinen und ihrer recht metro-sexuellen Band, sang sie, jeden Ton perfekt treffend, wie eine Grand Dame die Songs ihres gelobten Albums “Feel It Break”. Mit glitzernden Augen, den Blick starr auf die Bühne gerichtet und die Ohren gespitzt, ging das Publikum auf den abholenden Melodien und Beats durchweg mit. Sie ist zwar ausgebildete Sängerin, aber nie und nimmer hätte ich gedacht, dass sie haargenau so klingt wie auf dem Album. Das Publikum dankte es ihr und ihrer grandiosen Band. Und auch Austra ließ wissen, dass dieses das bisher beste Konzert gewesen sei, welches sie in Europa bisher gespielt hat. Sie wird vielleicht noch davon träumen. Ich weiß nur, dass alle meine Freunde und Bekannte, mit denen ich an diesem Abend da war, nicht nur von Austras Herzschmerz-Pop träumen werden. Eine der Zwillingsschwestern für den Backgroundgesang, musste für uns lediglich etwas singen, gekonnt mit den Schultern und der Hüfte wackeln und verführerische Blicke ins Publikum werfen, um uns zu verzaubern. Verliebte Blicke, wohin ich nur sah.
Da verkam das Sizarr-DJ im “Zum Scheuen Reh” sowie die Treibstoff-Party im Gewölbe fast zur Nebensache. c/o pop, wir lieben (nicht nur) dich!
Michael Weber
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