Crazewire Jahresrückblick: Michael Weber

Alben des Jahres:
1. Youth Lagoon – Year Of The Hibernation
2. Wild Beasts – Smother
3. M83 – Hurry Up, We’re Dreaming
4. WU LYF – Go Tell Fire To The Mountain
5. Austra – Feel It Break
6. Apparat – The Devil’s Walk
7. James Blake – dto.
8. PS I Love You – Meet Me At The Muster Station
9. Bon Iver – dto.
10. The Weeknd – House Of Ballons
Konzert des Jahres:
Puh! Am Ende des Jahres weiß man auch schon nicht mehr, was überhaupt alles musikalisch geschehen ist. Alles vermischt sich zu einem großen Brei, in dem Zeiten, Orte, Bands und Personen verschwinden. War das 2010 oder doch 2011? Manchmal kann ich es nicht mehr so genau sagen und ich habe das Gefühl, dass ich älter und ausgelaugter werde. Von Jahr zu Jahr. Die Vor- und Nachteile eines Musikjournalisten liegen da klar auf der Hand. Bei der Masse an Bands und Konzerten, die im Laufe eines Jahres auf einen niederregnen, kann es eben schon schwer fallen, alles auch zwölf Monate später auseinander zu halten. Wenigstens hat man nichts oder kaum etwas verpasst. Wobei ich aber sagen muss, dass ich in diesem Jahr viel, wenn nicht sogar zu viel verpasst habe, was live auf Tour war. Dem Magisterabschluss sei Dank. Somit fällt meine Auswahl nicht mehr so groß aus, obwohl sie weiterhin schwer für mich ist. War es Hudson Mohwake, der mit seinen big fat booty IDM-Dub-Beats das Studio 672 während der c/o pop zum schwitzen und wackeln brachte? Oder doch die depressiv und mit allen Indie Rock-Shoegazing-Posen ausgestatteten, drein blickenden Yuck vor kleinem Publikum im Kölner Underground? Der zottelige und irgendwie zerlumpte Touchy Mob mit seinem Singer/Songwriter-Techno im Vorprogramm zum sakralen Post-Noise-Rock-Auftritt von WU LYF, was sich ebenfalls während der c/o pop ereignete? Ich weiß es nicht mehr. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie alle zusammen mit der schönen Background-Sängerin von Austra an einem Abend vor leerem Haus wie die grandiosen PS I Love You zusammen auf der Bühne standen und mein Herz frohlocken ließen. So war es doch, oder?
Video des Jahres:
Da ich mich nicht entscheiden konnte, mache ich es mir hier mal ganz einfach. Ich stelle gleich drei Videos vor, die meiner Meinung nach die besten in diesem Jahr waren.
Woodkid stellt dabei mit „Iron“ den ästhetischen Überkracher dar, den ich in diesem Jahr gesehen habe. Schwarz-weiß, Zeitlupen, große Posen, kriegerisches Verhalten, Morgensterne, sich schnaufend aufbäumende Pferde, geifernd Zähne fletschende Hunde und Helden, die in die Schlacht ziehen. Models! 300! Bildgewalt!
Woodkid - Iron from WOODKID on Vimeo.
Was M83 angeht, muss ich nicht mehr viel sagen. Es steht alles in der Rezension zu seinem neuen Album „Hurry Up, We’re Dreaming“. Kinder, Kinder, legt euch nicht mit telekinetischen Super-Kids an, die für paranormale Versuche in Anstalten eingesperrt werden. Der Morgen danach kann übel enden -wenn er denn kommt. Sieht aber auch arschcool aus, wie die Jugend da nach ihrer kindischen Zerstörungswut im gleißenden Licht Hand in Hand steht. Und der Song selbst erst: „Midnight City“ ist in Klang und Bild ein Meisterwerk geworden. Krächzend pumpende Kraft aus den Tiefen eines neuronalen Gewitters entstanden.
M83 | Midnight City from DIVISION on Vimeo.
Youth Lagoon hat nicht nur mein Album des Jahres gemacht, er hat es auch mit seinem Video unter der Regie von Tyler T Williams zu „Montana“ unter meine Lieblingsvideos geschafft. So, wie dieses Video aussieht und klingt, ist auch das gesamte Album geworden: Stets auf der verhal(l)ten, jammernden und gequälten Suche nach Mehr. Gefühl, Geborgenheit, Leidenschaft.
Youth Lagoon - Montana from Tyler T Williams on Vimeo.
c/o pop 2011 - Bässe so fett wie pralle Ärsche! Oder: Wer ist bitte mother f***ing David Garrett?!

Zum dritten Mal in Folge fand während der c/o pop jetzt ein “Pop”-Konzert in der Kölner Philharmonie statt. Im Prinzip mittlerweile ein fester Bestandteil, eine Tradition, die nur für die teilnehmenden Bands mit der ungewohnt, (un)traditionellen Geste endet, am Ende ihrer Show von einer netten Dame der Philharmonie Rosen überreischt zu bekommen. So standen Apparat als auch später Owen Pallett etwas verdutzt und ungelenk aber sichtlich geschmeichelt mit einer Rose in der Hand oder zwischen den Zähnen auf der Bühne. Mit Traditionen soll eben nicht gebrochen werden. Erst recht nicht in der Philharmonie.
Abgesehen, dass das Publikum nicht in der gewohnten Kluft zum Konzert erschien, der Alterdurchschnitt bedeutend jünger war als bei einem klassischem Konzert und die Musik in den Bereich so genannten “U-Musik” fällt, war das Prozedere am gestrigen Abend wie gehabt. Anständig wurde sich benommen, der zugewiesene Platz eingenommen und natürlich nicht geredet.
Musste man ja auch nicht, da die neuerdings dem Post-Rock verfallenen Elektro-Pop-Auswüchse von Apparat einem den Atem verschlugen. Mit Band und ganz organisch zeigte sich der Berliner Sascha Ring in etwas ungewohnter Form. Sein aktuelles Album “The Devil’s Walk” ist aber nunmal klanglich so weit von den elektronischen Tüfteleien entfernt, für die er eigentlich bekannt ist, wie noch nie. Sogar ein Hauch Sigur Rós wehnte durch den gigantischen Konzertsaal. Episch, ausufernd und träumerisch. Musik, die man erst einmal sacken lassen muss. Trotzdem riss er das Publikum mit gelegentlichen alten Songs und hämmernden Beats aus seiner Trance.
Auch Owen Pallett, der Hauptact an diesem Abend, setzte auf eine Band. Etwas, auf das der kanadische Ausnahme-Musiker eigentlich nicht braucht, aber gerade den Songs seines fantastischen Albums “Heartland” richtig gut tat. Und diese Schlagzeugerin! Mein Gott, was war sie gut. Pallett hingegen zeigte sich in unterhaltender Best-Form. Für kleine Scherze zu haben und mit der nötigen Portion Selbstironie spielte er routiniert und sehr leidenschaftlich seine Version von Neo-Klassik oder Indie-Streicher-Pop. Sein Talent bei all den Loops an Violine und Keyboard, die er live einspielt, nicht aus dem Rhythmus zu geraten, ist einzigartig. Schicht für Schicht trug er ergreifend dicht auf und malte verzaubernde Arrangements in die Philharmonie. Nicht extrovertierte Raffinesse oder spiel-technische Übertreibungen sind sein Metier: verdichtete Elementar-Kunst, die wie locker aus dem Handgelenk geschüttelt klingt. Und so kam es auch, dass seine zweite Zugabe wie gerade erst in den Sinn gekommen erschien. Mit ein paar Kniffen baute er Loops, Sequenzen, Beats und Harmonien zu Caribous “Odessa” zusammen. Wahnsinn.
Owen Pallett - Odessa (Caribou Cover)
Gleichzeitig saß mein Kollege Bastian Küllenberg im Klaus von Bismarck Saal des WDR Funkhauses am Wallrafplatz, um dem ausnahme Techno-Ensemble Brandt Brauer Frick zu zu hören. Ein Abend also, der nur auf den ersten Blick “klassisch” und “anständig” verlief.

Doch mit dem DJ-Konzerten von James Pants, Hudson Mohawke und 2562 im Studio 672 wurde das andere Extrem am zweiten c/o pop-Abend serviert. Stones Throws James Pants stellte mit seiner frenetischen Live-Show unter Beweis, dass er nicht nur ein hervorragender Produzent sondern auch eine wahre Bühnensau ist, die musikalisch kein Blatt vor den Mund nimmt. Er zauberte einen heißen Tanz zwischen 60er Psychedelic, 70er Soul und Funk, Golden Age, Drum’n’Bass, Dub Step und allem was ihm sonst noch so gerade einfiel. Die Lautstärke bewegte sich immer am Limit.
Bis in Mark fuhren dann auch noch die heftigen Bässe, die nervöse Rhythmik und der schmutzige Sex-Appeal des jungen Britten Hudson Mohawke. Alles bebte und dröhnte zu seiner elektronischen Definition von HipHop und Dub so sehr, als ob gleich mehrere Jumbo-Jets gleichzeitig starten würden. Das war derbe, dreckig und mit so fetten Bässen bestückt wie ein praller Frauen-Hintern in grellem Neonlicht. Big up!
Hudson Mohawke - Thunder Baby
Heute geht’s zu Wu Lyf und zu Kompakt mit vielen heißen Techno- und Minimal-Heads! Aber auch Kreidler, Philipp Poisel, beat!beat!beat!, Balthazar, Bye Bye Bicycle, Egyptrixx und Joe Coseness werden richtig einheizen oder uns schwelgen lassen!
Michael Weber
Apparat bei Mute - free download
Mute Records gibt freudig bekannt, sich die Dienste eines besonderen Künstlers gesichert zu haben. Der Berliner Elektroniker Apparat verlässt nach drei Alben seine Heimat Shitkatapult und heuert beim Londoner Traditionslabel an. Für den Sommer ist ein neues Album geplant, mit dem der Musiker sich in bisher nie betretene Gegenden begeben möchte.
Als Vorgeschmack spendieren Apparat und Mute einen Song des kommenden Longplayers als download.
