Crazewire Jahresrückblick: Tobias Wecker

Alben des Jahres:
1. xrFarflight - Under The Spell Of The Cyclops’ View
2. 31 Knots - Trump Harm
3. Timber Timbre - Creep On Creepin’ On
4. J Mascis - Several Shades Of Why
5. Dillon - This Silence Kills
6. Pandoras.Box - Monomeet
7. Tu Fawning - Hearts On Hold
8. Radiohead - The King Of Limbs
9. Handsome Furs - Sound Kapital
10. EA80 - Definitiv: Nein!
Konzert des Jahres:
Ich war nie ein großer Freund von Festivals. Zu viel Rummelplatz, zu viele Metallica T-Shirt-Träger aus dem lokalen Kegelverein und zu viel Unlust auf die große musikalische Reizüberflutung. Dank all der euphorischen Erzählungen und nicht zuletzt wegen eines wie immer echten Liebhaber-Line-Ups habe ich mich in diesem Jahr dann doch kurzfristig fürs Haldern Pop entschieden. Und, was soll ich sagen: Weniger bereuen geht nicht! Musikalisch war das große Spitze – das war zu erwarten. Aber meine eigene Begeisterung über das Drumherum überraschte mich. Die Bauern stellen ihren Hof als Durchgang zum Badesee zur Verfügung, die Ordner sind keine kahlgeschorenen Schlägertypen und sogar die Kühe sehen hier irgendwie glücklicher aus. Haldern, wir sehen uns 2012!
Passend zu meiner späten Liebesentdeckung ausgewählter Festivals möchte ich euch den Bericht meines Kollegen Bastian Küllenberg über das Traumzeit-Festival in Duisburg ans Herz legen. Ich war bei diesem denkwürdigen, dramaturgisch perfekt inszenierten Abend mit Caribou, Mogwai und Olafur Arnalds in einzigartiger altindustrieller Atmosphäre dabei. Unvergesslich - wie oft sagt man das über einen Konzertabend?
Video des Jahres:
Das Musikvideo im eigentlichen Sinne spielt für mich keine große Rolle mehr. Ich sitze nur selten vorm Fernseher oder Computer und schaue mir vierminütige Clips an. Am ehesten dient mir das Musikvideo dazu, neue Bands kennenzulernen. So geschehen bei Timber Timbre mit ihrem Video zu „Black Water“. Was auch immer da knistert, kriecht und dampft: Es gibt genau die düstere, bedrohliche Grundstimmung des Albums wieder.
Crazewire Jahresrückblick: Michael Weber

Alben des Jahres:
1. Youth Lagoon – Year Of The Hibernation
2. Wild Beasts – Smother
3. M83 – Hurry Up, We’re Dreaming
4. WU LYF – Go Tell Fire To The Mountain
5. Austra – Feel It Break
6. Apparat – The Devil’s Walk
7. James Blake – dto.
8. PS I Love You – Meet Me At The Muster Station
9. Bon Iver – dto.
10. The Weeknd – House Of Ballons
Konzert des Jahres:
Puh! Am Ende des Jahres weiß man auch schon nicht mehr, was überhaupt alles musikalisch geschehen ist. Alles vermischt sich zu einem großen Brei, in dem Zeiten, Orte, Bands und Personen verschwinden. War das 2010 oder doch 2011? Manchmal kann ich es nicht mehr so genau sagen und ich habe das Gefühl, dass ich älter und ausgelaugter werde. Von Jahr zu Jahr. Die Vor- und Nachteile eines Musikjournalisten liegen da klar auf der Hand. Bei der Masse an Bands und Konzerten, die im Laufe eines Jahres auf einen niederregnen, kann es eben schon schwer fallen, alles auch zwölf Monate später auseinander zu halten. Wenigstens hat man nichts oder kaum etwas verpasst. Wobei ich aber sagen muss, dass ich in diesem Jahr viel, wenn nicht sogar zu viel verpasst habe, was live auf Tour war. Dem Magisterabschluss sei Dank. Somit fällt meine Auswahl nicht mehr so groß aus, obwohl sie weiterhin schwer für mich ist. War es Hudson Mohwake, der mit seinen big fat booty IDM-Dub-Beats das Studio 672 während der c/o pop zum schwitzen und wackeln brachte? Oder doch die depressiv und mit allen Indie Rock-Shoegazing-Posen ausgestatteten, drein blickenden Yuck vor kleinem Publikum im Kölner Underground? Der zottelige und irgendwie zerlumpte Touchy Mob mit seinem Singer/Songwriter-Techno im Vorprogramm zum sakralen Post-Noise-Rock-Auftritt von WU LYF, was sich ebenfalls während der c/o pop ereignete? Ich weiß es nicht mehr. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie alle zusammen mit der schönen Background-Sängerin von Austra an einem Abend vor leerem Haus wie die grandiosen PS I Love You zusammen auf der Bühne standen und mein Herz frohlocken ließen. So war es doch, oder?
Video des Jahres:
Da ich mich nicht entscheiden konnte, mache ich es mir hier mal ganz einfach. Ich stelle gleich drei Videos vor, die meiner Meinung nach die besten in diesem Jahr waren.
Woodkid stellt dabei mit „Iron“ den ästhetischen Überkracher dar, den ich in diesem Jahr gesehen habe. Schwarz-weiß, Zeitlupen, große Posen, kriegerisches Verhalten, Morgensterne, sich schnaufend aufbäumende Pferde, geifernd Zähne fletschende Hunde und Helden, die in die Schlacht ziehen. Models! 300! Bildgewalt!
Woodkid - Iron from WOODKID on Vimeo.
Was M83 angeht, muss ich nicht mehr viel sagen. Es steht alles in der Rezension zu seinem neuen Album „Hurry Up, We’re Dreaming“. Kinder, Kinder, legt euch nicht mit telekinetischen Super-Kids an, die für paranormale Versuche in Anstalten eingesperrt werden. Der Morgen danach kann übel enden -wenn er denn kommt. Sieht aber auch arschcool aus, wie die Jugend da nach ihrer kindischen Zerstörungswut im gleißenden Licht Hand in Hand steht. Und der Song selbst erst: „Midnight City“ ist in Klang und Bild ein Meisterwerk geworden. Krächzend pumpende Kraft aus den Tiefen eines neuronalen Gewitters entstanden.
M83 | Midnight City from DIVISION on Vimeo.
Youth Lagoon hat nicht nur mein Album des Jahres gemacht, er hat es auch mit seinem Video unter der Regie von Tyler T Williams zu „Montana“ unter meine Lieblingsvideos geschafft. So, wie dieses Video aussieht und klingt, ist auch das gesamte Album geworden: Stets auf der verhal(l)ten, jammernden und gequälten Suche nach Mehr. Gefühl, Geborgenheit, Leidenschaft.
Youth Lagoon - Montana from Tyler T Williams on Vimeo.
Crazewire Jahresrückblick: Bastian Küllenberg

Alben des Jahres:
1. Fleet Foxes - Helplessness Blues
2. Felice Brothers - Celebration, Florida
3. Bodi Bill -What?
4. Schreng Schreng & La La - Berlusconi
5. Bring The Mourning On - Going Going Gone
6. xrFarflight - Under The Spell Of The Cyclops View
7. Charles Bradley - No Time For Dreaming
8. Jayhawks - Mockingbird Time
9. Snailhouse - Sentimental Gentleman
10. John Maus - We Must Become The Pittiless Censors Of Ourselves
Konzert des Jahres:
Müsste man sich den perfekten Konzertabend erträumen, es fände sich ein geeignetes Beispiel mit dem Freitagabend des Traumzeit 2011. Für den Eröffnungstag verdienen sich die Macher des Duisburger Festivals eine Goldmedallie in Sachen Programmgestaltung und Inszenierung: Caribou, Mogwai und Olafur Arnalds in einer Reihe und das im außergewöhnlichen Ambiente des Landschaftsparks Nord. Was man erleben darf sind Unmittelbarkeit und Barrierefreiheit, das Gegenteil von jenem letztlich austauschbaren Massenspektakel, das ein Konzert im Rahmen eines Festivals sein könnte. Hochofen-Gießhalle und Industriegemäuer werden stimmungsvoll ausgeleuchtet, die Kulissen mehr als nur bespielt. Vielmehr ergibt sich durch das Zusammenspiel vieler Faktoren eine besondere Atmosphäre. Hut ab, so buchstabiert man ein hochwertiges Konzerterlebnis.
Video des Jahres:
Natürlich gab es noch zahlreiche andere Videos, die man in 2011 gesehen haben sollte. So etwa Kira Bunses geradezu klassisch nach Düsseldorf Ende der 70er aussehender Clip zum Stabil Elite Überhit “Gold” oder das blutige Teddybärenschlachten von Colourmusic im Video “You For Leaving Me”. Vom Weichzeichner-Wunderwerk “You’re Too Weird” der widererstarkten Fruit Bats sowie dem smarten “Worst Of Total Anarchy” von Killed By 9V Batteries ganz zu Schweigen.
Die Wahl muss dennoch klar auf Bodi Bill und Regiesseur Stephane Leonard mit dem Video zu “Brand New Carpet” fallen. Ein ebenso ausgelassenes, wie pointiertes Spiel mit Symbolik und Metaphern, plakativ bis subversiv und nie ohne Raum zur Assoziation. Hat hier jemand “Kunst” gerufen? Bodi Bill sind und bleiben ein audiovisuelles Gesamtschauspiel.
